Freaky Great Tits

You don’t speak German? Read the English version here.

Zusammen mit Martin R. war ich am 20.10.12 am Sportplatz auf Helgoland unterwegs, als ich einen mir völlig unbekannten Ruf hörte! Ein schnelles „wiü wiü wiü“…  Schon nach wenigen Sekunden kam der Urheber aus den Heckenrosen: eine Kohlmeise. Sie rief nun wieder ganz normal – nichts ungewöhnliches also. Kohlmeisen können so ziemlich auf jede Art und Weise rufen! Doch kurz darauf wieder diese Rufe – und aus einem anderen Busch nochmals.

Die Tage darauf achtete ich mehr darauf: Die Insel war voll damit. Um diese komisch rufende Kohlmeiseninvasion vielleicht etwas besser dokumentiert zu bekommen, informierte ich Jo, Matthias H. und Stefan W. in Süddeutschland. Vielleicht würden es die Kohlmeisen bis an den Bodensee schaffen!?

Die Invasion

Weit gefehlt: Die Kohlmeisen schafften es nicht nur bis zum Bodensee – sie überschwemmten das Gebiet!! Ab dem 28.10. konnte Matthias H. diese Rufe im Eriskircher Ried bei Durchzüglern hören. Am 4.11. zählte ich zusammen mit Matthias H. dort: Innerhalb von 6,25 h zogen knapp 450 Kohlmeisen durch – davon äußerten ca. 30% diesen Ruf. Berücksichtigt man, dass nicht jede Kohlmeise beim vorbeifliegen ruft und auch nicht immer genau diesen Ruf äußert, ist man schnell bei einem Anteil von 60-80%! In Oberschwaben und in München rufen inzwischen 70-90% der Kohlmeisen so! Jo hat die Rufe auch im Allgäu und am Altmühlsee überall gehört. Letztlich kann man davon ausgehen, dass diese Invasionsmeisen nun in ganz Deutschland häufig zu finden sind! Die Tage mit den höchsten Durchzugszahlen dieser Rufer waren auf Helgoland der 12.10. (Jochen Dierschke schriftlich), in Nordfriesland der 16. & 18.10. (Peter Schleef schriftlich), am Bodensee der 4.11.

Bisherige Meldungen von Kohlmeisen mit den Invasionsrufen. Quelle: http://www.ornitho.de. Kommt Jungs!! Da geht noch mehr… Bis jetzt erkenne ich ja nahezu jeden Melder auf der Karte am Beobachtungsort ;-) / Still there are only a few reported observations – but that doesn’t mean that the birds are not there! They are everywhere and common.

Beschreibung des Rufes & optische Merkmale?
Die Rufe werden zwei bis viermal wiederholt. Die einzelnen Elemente steigen anfangs von 3,5 kHz bis auf 5,5 kHz auf und fallen anschließend etwas leiser bis auf 2,5 kHz ab.

Sonagramm des Rufes eines Invasionsvogels. Helgoland, 18.10.2012. Hier kann man sich den Ruf anhören. Im Hintergrund ruft Amsel ab 0:06, Wintergoldhähnchen 0:27 und Bergfink ab 0:35. Eine super Aufnahme! Hört ihr die Fluggeräusche bei 0:15? Fast sicher eine Drossel die von hoch oben herabstürzt und in einem Busch landet © Matthias Feuersenger / Sonogram and recording of the calls of an „Invasion-Great Tit“.

Vergleich der Rufe aus verschiedenen Gebieten in Deutschland. Aufnahme Helgoland (gleiche Aufnahme wie oben) 18.10.2012 © Matthias Feuersenger; Eriskircher Ried 3.11.2012 (Hintergrund Lachmöwe, Rabenkrähe, Stockente) © Matthias Hemprich;  Brunsbüttel 16.10.2012 (Hintergrund Buchfink) © Peter Schleef, St. Peter-Böhl 18.10.2012 © Peter Schleef; Whylen 8.11.2012 © Daniel Kratzer / Comparision of recordings from „invasion-Great Tits“ from different parts of Germany. The recordings are linked with the locations of the recordings.

Bis auf die Anzahl der Wiederholungen variieren die Rufe nicht wesentlich. Der Höreindruck bleibt immer der gleiche. Oft ist das erste Element 100-200 Hz höher als das zweite (im Sonagramm Whylen, Eriskircher Ried, Brunsbüttel). Manchmal wird auch die „Start-“ und „Endfrequenz“ der einzelnen Elemente angeglichen (im Sonagramm Eriskircher Ried, St. Peter-Böhl).

Der Großteil der anderen Rufe, die diese Meisen äußerten, waren deckungsgleich mit dem Repertoire von unseren Kohlmeisen. Peter Schleef nahm weitere Rufe auf, die von unseren Meisen kaum geäußert werden. Sie sind allerdings auch nicht so charakteristisch.

Jochen Dierschke und Matthias Feuersenger hörten jeweils, wie „Invasionskohlmeisen“ nahezu wie Blaumeisen riefen (www.club300.de).

Optisch scheinen sich die Vögel nicht von unseren Kohlmeisen zu unterscheiden. Im folgenden Fotos von drei verschiedenen Individuen:

Invasionsvogel, 24.10.2012, Helgoland. Männchen, wohl adult wegen intensiv blaugrauen Handdecken/Großen-/Mittleren Armdecken ohne Mausergrenze (soweit erkennbar) © R. Martin / Photo of an „Invasion-Great Tit“ – there seem to be no differences to our birds.

Invasionsvogel 24.10.2012, Helgoland. Männchen, wohl adult. Hier die Rufe von diesem Vogel. Ton und Bild © R. Martin / Photos of another „Invasion-Great Tit“

Invasionsvogel, 23.10.2012, Helgoland © R. Martin / Photos of a third „Invasion-Great Tit“

Zum Vergleich zwei Kohlmeisen aus Karlsruhe, Januar 2010:

„normale“ Kohlmeise, Adulte Männchen, 17.01.2010, Karlsruhe © R. Martin / For comparision, here are two photos of the „normal“ Great Tits.

Traten diese Rufe schon früher bei uns auf? Vermutlich nicht – bzw. wenn dann nur Einzelvögel. Niemand, den ich gefragt habe, hat die Rufe schon einmal gehört. Manchen sind sie nicht aufgefallen, aber nach eigener Aussage wohl eher, weil sie den Ruf „schleichend“ in den letzten Wochen erlernt haben.

Bleiben zwei Möglichkeiten:

1. Die Kohlmeisen haben den Ruf dieses Jahr „spontan“ dazu gelernt -> völlig unrealistisch bei der Masse von Vögeln, der geografischen Verbreitung über mindestens ganz Deutschland und geringen Variation der Rufe.

2. Die Kohlmeisen kommen aus einer Region, die in den letzten Jahren keine Zugbewegung bis in unsere Bereiche gemacht hat.

Ursprung
Woher kommen die Vögel also? Nach Glutz 1993 können Kohlmeisen so ziemlich in jede Himmelsrichtung ziehen. Die üblichen Eruptionsherde von Kohlmeisen liegen jedoch in Fennoskandinavien und Russland.

Aus Skandinavien gibt es viele Aufnahmen von Kohlmeisen auf xeno-canto. Keine davon ruft ähnlich – fällt als Herkunftsgebiet deshalb weg (auch weil diese Meisen alljährlich bei uns auftreten dürften).

In den letzten Tagen gab es immer wieder Meldungen von im Baltikum beringten Meisen (www.club300.de und Fabian Meijers Blog).

Zumindest ist damit bestätigt, dass diesen Herbst Meisen aus dem nordöstlichen Europa bei uns angekommen sind. Die meisten Meisen werden im Baltikum aber nur durchziehend beringt, bspw. in der Vogelwarte Rositten auf der Kurischen Nehrung. Deshalb kommen sie vermutlich von noch weiter aus dem Osten. Vögel aus dem Baltikum sollten nach Glutz 1993 regelmäßig bei uns auftreten und fallen deshalb auch mehr oder weniger raus.

Auf xeno-canto gibt es von Cheboksary in Russland (ca. 600 km östlich von Moskau) Rufe deren Form im Sonagramm sehr ähnlich ist. Sie sind allerdings 1 kHz zu hoch (von 3,5-6,4 kHz). Immerhin eine Spur? Vielleicht nur eine Variation eines Vogels dort? Ich habe A. Lastukhin angeschrieben: er kennt die Rufe nicht und kann leider keine weitere Auskunft zu dem Thema geben. Nach Ringfunden haben Vögel aus der Region um Moskau aber durchaus das Potential bei uns aufzutreten (Glutz 1993).

Sonagramm eines Vogels aus Cheboksary , Russland, 03.10.2012. Form sehr ähnlich, allerdings zu hoch! © Alber Lastukhin. Die Aufnahme kann man sich hier anhören (http://www.xeno-canto.org/110451). Im Hintergrund hört man Rotkehlchen ab 0:04, Nebelkrähe ab 0:11, Dohle ab 0:12, Buchfink ab 0:25 / Sonogram and linked recording of a Great Tit in Russia (600 km east of Moscow). The bird sounds quite similar to the „Invasion-Great Tits“ but about 1 kHz to high.

Wie wäre es mit einer Herkunft aus dem nordöstlichsten Teil von Europa – aus der Region nördlich/nordöstlich von Moskau? Für mich die schlüssigste Erklärung. Die Vögel würden durch die baltischen Staaten fliegen, dort beringt werden und dann bei uns landen.

Fragestellungen & Ausblick

Warum gibt es aus anderen Ländern noch kaum Hinweise auf diese Kohlmeisen (ich kenne bis jetzt nur Meldungen aus der Schweiz von solchen Vögeln)?

Bisherige Meldungen von Kohlmeisen mit den Invasionsrufen in der Schweiz. Quelle: http://www.ornitho.ch / reported observations of Great Tits with the strange calls

Bis wohin ziehen die Meisen? Durch die Schweiz sind die Vögel nahezu durch. Haben sie schon Italien erreicht?

Island hatte am 25.10.2012 den 5ten Nachweis einer Kohlmeise. Ist es einer dieser Vögel gewesen? Leider konnten bis jetzt die Isländer Beobachter dies weder bestätigen noch verneinen. Ich hoffe aber immer noch auf eine positive Antwort.

Haben die Meisen etwas mit den Einflügen der Trötergimpel oder auch den Weißköpfigen Schwanzmeisen ssp. caudatus zu tun? Zumindest die Trötergimpel sind ein Phänomen, das seinen Ursprung ebenfalls irgendwo in Russland hat. Beide Arten sind analog früher nie bzw. nie in dieser Anzahl bei uns aufgetaucht.

Und wie geht es weiter? Bei einer solchen Masse an zugezogenen Kohlmeisen bleiben auf jeden Fall so einige bei uns hängen! Werden diese Rufe in Zukunft ganz normal bei uns sein? Oder nach und nach im „Genpool“ verschwinden? Oder kommen die Vögel nun – wie die Trompetergimpel – jeden Herbst aufs neue?

Birden bleibt spannend!

Summary

Since beginning of October, an invasion of Great Tits has been noticed in Germany. These birds utter a new call, that we have not been aware before. The call is described and some different recordings are linked. It is very likely that the birds‘ origin is the northeastern, russian part of Europe. For better understanding, the captions are also given in english.

Herzlichen Dank an Matthias Feuersenger, Peter Schleef, Matthias Hemprich, Daniel Kratzer und Jochen Dierschke die mir ihre Aufnahmen und Daten für diesen Artikel überlassen haben!

Literatur

Glutz, Urs M. (1993) Handbuch der Vögel Mitteleuropas Band 13/I. AULA-Verlag GmbH

4 Antworten zu “Freaky Great Tits

  1. Pingback: Strange Great Tit calls – invasion from the east? | Birding Frontiers·

  2. Pingback: Top posting during 2012… | Birding Frontiers·

  3. Danke für den hochinteressanten Bericht! Ich denke, ich habe hier auch schon welche gehört… Mich interessiert, mit welchem Programm die Sonogramme erstellt wurden – können Sie das bitte mal angeben?

    Vielen Dank und mit bestem Gruß
    Hans-Werner Neumann

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