Kormorane ssp. carbo

Oft hat man die Gelegenheit, Kormorane aus geringer Entfernung zu beobachten. Es lohnt sich, dann einen Blick auf den Schnabelwinkel werfen.

kormoran welcher winkel

Kormoran (Phalacrocorax carbo) ssp. sinensis, immatur, Iller bei Immenstadt OA, 07.04.2009, © J. Honold. Der Schnabelwinkel wird zwischen Schnabelspalt und Begrenzung der unbefiederten Haut gemessen, bei diesem Vogel ~87°. / Great Cormorant of ssp. sinensis. The gular pouch angle is measured between the gape line and the border of skin and feathering.

Im europäischen Binnenland kommt die Unterart P. c. sinensis vor, an den Atlantikküsten NW-Europas die Nominatform carbo. Kormorane sind sehr mobil, trotzdem gibt es relativ wenige Nachweise der ssp. carbo im deutschen Binnenland. In Sachsen-Anhalt wurden in den Wintern 2007/2008/2009 95 Kormorane geschossen und der Unterart zugeordnet – mit erstaunlichem Ergebnis: 12 davon waren ssp. carbo – bis dahin gab es nur zwei Nachweise in Sachsen-Anhalt! Das zeigt deutlich, dass die Unterart übersehen ist.

Nach dem Artikel von Newson (2004) sind Vögel mit Schnabelwinkel kleiner 65° carbo und größer 73° sinensis – „mit hoher Wahrscheinlichkeit“. Dazwischen überschneiden sich beide Unterarten.Viele andere Merkmale wie Größe, Kopfform, unbefiederte Haut am Zügel (carbo wenig, sinensis viel), Ausdehnung und Form des Weiß am Kopf im PK und Mauserzeitpunkt ins PK (carbo später als sinensis) sind stark variabel oder überlappen mit sinensis, sodass sie die Bestimmung nur unterstützen können.

Carbo, Güttingen

Kormorane mit Merkmalen der ssp. carbo, Güttingen TG, Schweiz, 29.12.2012, © R. Martin und J. Honold. Die Kormorane auf den hohen Stämmen (Schnabelwinkel bei linkem Kormoran <50° (siehe vergrößertes Foto), bei rechtem ~59°) sind deutlich größer als die unten sitzenden. Generell gilt: carbo sind größer als sinensis, wegen ausgeprägtem Größendimorphismus zwischen Männchen und Weibchen hilft dieses Merkmal aber nur in Extremfällen. / Great Cormorants with features of ssp. carbo. Both birds on the high piles have a narrow gular pouch angle and are clearly bigger than the other three birds. However, as males and females differ considerably in size, this feature is only indicative.

Dank Digiscoping kann man heute aus großen Entfernungen brauchbare Belegbilder machen – eine Bestimmung von carbo ohne Foto ist fast nicht möglich. Der Schnabel sollte am besten im 90°- Winkel zur Kamera stehen, ansonsten kann es Fehler beim Messen geben. Am PC kann man den Winkel dann z.B. mit dem Linealwerkzeug von Photoshop bestimmen. Bei der Messung sollte auch abhängig von der Qualität der Fotos ein gewisser Fehler eingerechnet werden; am besten misst man den Winkel so groß wie möglich.

Carbo 2, 30.12.2012, Illerstausee Kardorf MN

Kormoran mit Merkmalen der ssp. carbo, Illerstausee Kardorf MN, 30.12.2012, © J. Honold. Selbst bei weit entfernten Vögeln kann man den Winkel noch messen (hier ~55°), solange der Schnabelspalt im Foto noch zu erkennen ist. Distanz ca. 200m / Great Cormorant with features of ssp. carbo, immature. Even from a distance (here ~200m) it is possible to measure the gular pouch angle if the gape line is visible in the picture.

Doch sind alle Kormorane mit Schnabelwinkel <65° automatisch ssp. carbo? Sicher nicht! In Westeuropa gibt es 450000 Brutvögel, allein aufgrund natürlicher Variation kommen sinensis mit kleinerem Winkel vor. Der Artikel von Newson bestätigt das: In seinem Datenmaterial gibt es sinensis-Männchen mit nur 60°. In England, wo sich die Verbreitungsgebiete der beiden Unterarten durch die Ausbreitung von sinensis mittlerweile überschneiden, gibt es Mischbruten – Hybriden werden sich allerdings nie ausschließen lassen.

Solange allerdings keine besseren Bestimmungsmerkmale bekannt sind, sollte man auf den Schnabelwinkel zurückgreifen. Um auf der sicheren Seite zu sein, sollte der Winkel unter 60° sein – je kleiner, desto besser!

Literatur zum Thema:

– Newson et al. (2004). Sub-specific differentiation and distribution of Great Cormorants in Europe. Ardea 92 (1), 3-10

– Dornbusch et al. (2012). Nachweise von Atlantik-Kormoranen in Sachsen-Anhalt. Apus 17, 37-42

Vielen Dank an Matze B. für Literatur!

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