Waldpieper und Baumpieper – Unterscheidung am Ruf

Einleitung:

Der Waldpieper ist eine sibirische Art, die in Europa jeden Herbst in mehreren Exemplaren nachgewiesen wird. Bis 1986 gab es in ganz Europa nur 61 Nachweise (Helbig 1987). Heute gibt es allein in Großbritannien über 300 Nachweise (2012 fast 50). In Großbritannien sind Waldpieper deshalb nicht mehr protokollpflichtig.

Das gehäufte Auftreten spiegelt sicher den verbesserten Kenntnisstand der Kennzeichen wieder. Ob es zusätzlich eine Westausdehnung des Brutgebietes gibt, ist nicht bekannt. Ebensowenig ist bekannt, wohin die Waldpieper in Europa ziehen und ob es in Südwesteuropa oder in Nordafrika eine kleine überwinternde Population gibt. Es gibt kaum Nachweise von überwinternden Vögeln und nur wenige Frühjahrsnachweise.

Nahezu alle Waldpieper werden optisch entdeckt und bestimmt. Dies ist nicht einfach: sie sind sehr heimlich und halten sich gerne in hohem Gras oder selbst in Büschen und im Unterholz von Wäldchen auf. Das erklärt, warum sich die Nachweise auf kleinen, übersichtlichen Inseln wie Helgoland (aktuell etwa 75 % der Nachweise Deutschlands) oder die Shetlands (ca. 50 % der Nachweise Großbritanniens) konzentrieren.

Wären Nachweise nur durch den Ruf möglich, würde die Anzahl sicher deutlich ansteigen. Tatsächlich ist dies kompliziert: Ohne eine Tonaufnahme wird keine Seltenheitenkomission einen Waldpieper anerkennen. Woran man einen Waldpieper im Sonagramm erkennt, ist bisher nicht genau bekannt. Dieses Problem hatte ich selbst, als ich am 16.10.2008 auf Sylt einen Pieper aufnahm. Im Feld hatte er sich gut für einen Waldpieper angehört. Das Sonagramm sah passend aus und Magnus Robb bestätigte mir letztlich die Bestimmung. Der Nachweis wurde durch die DSK als erster deutscher „nur gehörte“ Waldpieper anerkannt. Seit 2008 gab es verstreut in der Literatur und im Internet ein paar Hinweise zu den Kennzeichen im Sonagramm. Einige davon sind richtig, andere lassen sich nicht bestätigen oder sind falsch. Mit diesem Artikel will ich versuchen, jedem die Bestimmung eines aufgenommenen potenziellen Waldpiepers zu ermöglichen.

Geografische Variation:

Der Waldpieper Anthus hodgsoni wird in zwei Unterarten aufgeteilt: A. h. yunnanensis brütet im nördlichen Teil des Verbreitungsgebietes bis westlich des Urals. A. h. hodgsoni brütet im Himalaya, in Zentralchina bis zum 38° N und in Japan. Eventuell auch in Korea (Alström & Mild 2003). Beide Unterarten überwintern in Indien und Südostasien. Vögel die in Europa auftreten gehören ssp. yunnanensis an. Da sich die Überwinterungsgebiete voll überschneiden und nur wenige Tonaufnahmen aus den Brutgebieten vorliegen, habe ich die Aufnahmen nicht nach Unterarten getrennt.

Waldpieper

Waldpieper Anthus hodgoni yunnanensis, 21.10.2012, Helgoland, SH, Deutschland. Waldpieper verhalten sich extrem heimlich und sind schwierig zu beobachten.

Der Baumpieper Anthus trivialis wird ebenfalls in zwei Unterarten aufgeteilt: A. t. trivialis brütet in ganz Europa außer dem äußersten Süden und überwintert in Afrika und Indien. Im Osten wird die Nominatform von A. t. haringtoni abgelöst. Je nach Autor brüten die Vögel schon in Turkestan/Kasachstan oder erst von Kashmir ostwärts. Die Vögel überwintern in Indien. Shirihai 1996 unterscheidet von der Nominatform weiterhin ssp. schlueteri, der in den Bergen des westlichen Zentralasiens brütet. A. t. schlueteri soll in Indien, im Mittleren Osten und in Ostafrika überwintern. Alström & Mild 2003 erkennen diese Unterart nicht an. Indische Baumpieper gehören somit zumindest teilweise einer anderen Unterart an. Deshalb werden diese in der folgenden Auswertung getrennt behandelt.

Baumpieper_AdultBaumpieper Anthus trivialis trivialis, 30.05.2013, Lkr. Wörth, RP, Deutschland.

Material

Für die Auswertung wurden 190 Rufe aus 56 Aufnahmen von Baumpiepern aus dem westlichen Verbreitungsgebiet und 17 Rufe aus 4 Aufnahmen von Baumpiepern aus dem östlichen Verbreitungsgebiet ausgewertet. Von Waldpiepern hatte ich 190 Rufe aus 48 Aufnahmen aus dem gesamten Verbreitungsgebiet zur Verfügung.

Ruftypen

Beide Arten haben mehrere Rufe. Der Warnruf ist leicht bestimmbar: Es sind „sit“ Rufe, die in kurzen Abständen aneinander gereiht werden. Waldpieper zeigen im Sonagramm einen horizontalen Streifen und dieser ist deutlich höher als bei Baumpiepern (etwa 5-6 kHz bei Baum- und 7 kHz bei Waldpieper). Baumpieper zeigen im Sonagramm einen Haken. Sie hören sich deutlich anders an. Warnrufe von Waldpiepern wird man in Europa kaum zu hören bekommen.

Nicht so einfach sind die typischen Flugrufe vom Baumpieper zu unterscheiden. Bei guten Aufnahmen ist eine Bestimmung mit diesem Artikel immer möglich. Es gibt einige weitere, ähnliche Rufe (siehe Sonagramm 1, Aufnahme 2-4 und Sonagramm 2, Aufnahme 3-5) deren Bestimmung nicht immer möglich ist.

Seltener wird in Kombination mit dem typischen Flugruf ein weiterer Ruf genutzt (Sonagramm 1 & 2, jeweils 7. Aufnahme). Dieser ist ähnlich den Warnrufen (oder sogar der gleiche Ruf) bei Baumpiepern deutlich tiefer und v-förmig, bei Waldpiepern höher und nur gleichmäßig abfallend oder mit einem angedeuteten Haken nach oben. Im Gegensatz zu den Warnrufen wird er aber nicht zu Rufreihen zusammengesetzt. Bei durchziehenden Vögeln lohnt es sich, auf diesen Ruf zu achten, da er diagnostisch ist.

Baumpieper_RufeSonagramm 1: Verschiedene Rufe des Baumpiepers. 1. Aufnahme: Typischer Flugruf, 21.04.2011, Kirschgartshausen, HE, Deutschland © M. Feuersenger; 2. Aufnahme: etwas seltener geäußerter Flugruf. 28.08.2012, Landsort, Schweden © A. Dalton; 3. Aufnahme: Flugrufe mit solch einer langsamen Modulation sind selten. Es scheint keine Übergänge zwischen den Rufen aus der ersten Aufnahme und diesen Rufen zu geben. 12.04.2013, Jablonna, Polen © J. Matusiak; 4. Aufnahme: Selten steigen die Flugrufe sogar an (1. Ruf in der Aufnahme). Wiederum der gleiche Ruftyp wie Aufnahme 3 mit sehr grober Modulation. 21.04.2011, Kirschgartshausen, HE, Deutschland © M. Feuersenger; 5. Aufnahme: Warnrufe, 25.06.2013, Yvelines, Frankreich © J. Rochefort; 6. Aufnahme: Warnrufe, 4.08.2013, Rimmelsberg, Jörl, SH, Deutschland © V. Arnold; 7. Aufnahme: Seltener wird im Flug ein weiterer Ruf geäußert. Dieser ist dem Warnruf ähnlich. 15.09.2012, Kwintelooijen, Niederlande © P.G. Gelderblom

Waldpieper_RufeSonagramm 2: Verschiedene Rufe des Waldpiepers: 1. Aufnahme: Typischer Flugruf, 05.01.2013, Da Lat area, Vietnam © P. Aberg; 2. Aufnahme: Typische Flugrufe, 11.04.2013, Tangshan, Hebei, China © M. Slaymaker; 3. Aufnahme: Diese Rufe sind analog zu den Rufen des Baumpiepers (Sonagram 1, 2. Aufnahme), werden von Waldpiepern aber seltener geäußert. 26.09.2010, Happy Island, Hebai, China © D. Marquez; 4. & 5. Aufnahme: Flugrufe mit solch langsamer Modulation treten analog zu denen des Baumpiepers auf (Sonagram 1, Aufnahme 3 & 4). Sie sind oft deutlich höher und dadurch einfach zu bestimmen. 6.12.2011, Doi AngChang, Thailand © Tero Linjama; 6. Aufnahme: Warnruf, 28.07.2010, Onon Gol Camp, Mongolei © C. Bock; 7. Aufnahme: Wie Baumpieper haben auch Waldpieper einen zweiten, seltener geäußerten Flugruf. Dieser ist sehr charakteristisch. 03.01.2010, Uttar Pradesh, Indien © P. C. Rasmussen;

Verwechslungsmöglichkeiten der typischen Flugrufe mit anderen Arten

Sehr schlechte Aufnahmen von Waldpiepern könnten im Sonagramm mit Rotdrossel verwechselt werden (die Unterscheidung sollte jedoch kein Problem darstellen). Rotkehlpieper rufen ebenfalls auf der gleichen Tonhöhe. Im Sonagramm ist es ein dickerer, gleichmäßigerer Strich, der kaum moduliert ist. Rotkehlpieper hören sich viel gepresster an wie Waldpieper.

RotkehlpieperSonagramm 3: Rotkehlpieper, Flugrufe, 01.03.2013, Larnaca Sewage Works, Zypern © J. Honold

Unterscheidung der typischen Flugrufe von Wald- und Baumpieper

Über die Rufe von Waldpieper und Baumpieper gibt es einige Irrtümer. Der wichtigste ist, dass die Rufe von Baumpieper 8 khz nie überschreiten. Es gibt viele Aufnahmen von Baumpiepern, die deutlich über 8 khz sind (bspw. Sonagramm 7, 2. Aufnahme). Sich nur an die höchste Frequenz zu halten ist schwierig, da die Amplitudengröße je nach Aufnahmequalität mehr oder weniger erfasst ist. Die maximale Frequenz ändert sich je nach Entfernung und Aufnahmegerät. Hinzu kommt, dass die Amplitudengröße (und damit die höchste Frequenz) von dem in Raven angewendeten Schärfewert abhängig ist. Für eine Bestimmung ist diese deshalb nicht hilfreich – höchstens für eine schnelle Einordnung: über 8.5 kHz gibt es bei einem Standard-Schärfewert von 250 in Raven nur sehr wenige Baumpieper.

Wegen der stark schwankenden Qualität der Aufnahmen mussten geeignete Methoden gefunden werden, um sie vergleichen zu können. Als Referenzpunkte habe ich folgende gewählt: die Mittlere Anfangsfrequenz (Punkt 2 in Sonagramm 4) und die Steigung des Rufes (blaue Linie in Sonagramm 4). Eine Animation wie die beiden Werte bestimmt werden findet sich HIER. Um einem Vorzeichendurcheinander vorzugreifen, habe ich die Steigung der Rufe von hinten nach vorne gemessen – d. h. sie ist positiv angegeben, obwohl der Ruf eigentlich fällt.

Mit der Software „Raven“ kann die Frequenz und Zeit dieser zwei notwendigen Messpunkte leicht ausgemessen werden: Setzt man die Maus an den entsprechenden Punkt im Sonagramm, so wird in der Fußleiste Frequenz und Zeitpunkt angezeigt.Baumpieper_MesspunkteSonagramm 4: Messpunkte am Flugruf von Baum- und Waldpieper. Die blaue Linie beschreibt die Steigung des Rufes und verbindet die Mittlere Anfangsfrequenz MAF und die Mittlere Endfrequenz MEF. Die blaue Linie folgt der Mitte der Modulationen. Punkt 2 befindet sich an der ersten Stelle, an der die blaue Linie in der Mitte der Modulationen liegt (Gelb markiert. Weiter links ist die Modulation einseitig). Wo auf der Zeitleiste Punkt 3 gesetzt wird, ist nicht relevant, da die Steigung sich dadurch nicht ändert. Man setzt ihn am besten im rechten Teil des Rufes. Durch den größeren Abstand wird die Genauigkeit erhöht. Punkt 4 gibt es (vor allem bei Waldpiepern) nicht immer. Für eine Animation, wie gemessen wird, HIER klicken.

Ein weiteres, sehr gutes Kennzeichen ist die Dauer einer Modulation (zur Messweise siehe Sonagramm 5). Baumpieper modulieren deutlich schneller. Die einzelnen Modulationen sind im Sonagramm oft kaum erkennbar. Bei Waldpiepern erscheinen die einzelnen Modulationen als breite Striche (siehe Sonagram 6). Waldpieper haben ca. 10-15 Modulationen pro Ruf, Baumpieper 15-25. Da die Ruflänge jedoch stark schwankt, sind diese Werte nicht diagnostisch.ModulationenzählweiseSonagramm 5: Vorgehensweise beim Zählen der Modulationen pro Zeiteinheit am Beispiel eines Baumpiepers in Raven. Im linken Sonagramm steht der Schärfungswert in Raven auf 250 (Standardeinstellung). Verkleinert man diesen Wert (in dem Beispiel rechts auf 170), so erhöht man die zeitliche Auflösung und die Modulationen können besser erkannt und ausgezählt werden. Für eine Auswertung sollten mindestens 5 Modulationen klar erkennbar sein. Gemessen wird von Spitze zu Spitze. Da die erste und die letzte Modulation bei dieser Messweise nur halb erfasst wird, muss eine Modulation abgezogen werden (im Sonagramm oben sind 22 Punkte, aber es ist nur die Zeitdauer von 21 Modulationen erfasst). Wichtig ist, dass andere Rufe (wie die in Sonagramm 1, Aufnahme 3 & 4, oder Sonagramm 2, Aufnahme 4 & 5) nicht in die Auswertung einbezogen werden. Diese haben Modulationsdauern von über 15 ms und sind damit gut als andere Rufe zu erkennen. In Ausnahmefällen gibt es in den Rufen zwei klar getrennte Modulationsgeschwindigkeiten. Falls dies der Fall ist, misst man die Modulationsdauer der schnelleren Modulationsfrequenz.

BaumWaldpieper

Sonagramm 6: Sonagramme von Baumpieper (links) und Waldpieper (rechts) mit feinerer Zeitachse. Waldpieper sind deutlich grober moduliert. Die oberen Aufnahmen sind typisch, die beiden unteren Aufnahmen sind Extreme bei denen sie sich überschneiden. 1. Aufnahme oben links: 01.05.2009, Hammarsudden, Schweden © P. Åberg; 2. Aufnahme unten links: 28.09.2012, Helgoland, Deutschland © J. Honold; 3. Aufnahme oben rechts: Sehr geringe Steigung für einen Waldpieper aber typische MEF und Dauer für eine Modulation. 26.09.2010, Happy Island, Hebai, China © D. Marquez; 4. Aufnahme unten rechts:   Japan © Y. Endo

Während dem Messen der benötigten Werte können folgende Probleme auftreten:

  • Manche Rufe (v. a. Baumpieper) fallen gegen Schluß langsam und gleichmäßig zu Punkt 4 ab (Bsp. Sonagramm 7, 4. Aufnahme). Bei diesen sollte die MEF weiter links gesetzt werden (etwa bei 1/2 – 2/3 der Rufdauer).
  • Von Rufen wie in Sonagramm 1, Aufnahme Nr. 2 und Sonagramm 2, Aufnahme Nr. 3 kann man keine Steigung messen. Ist die Dauer für eine Modulation oder die MAF nicht typisch, sollte man einen Pieper daran nicht bestimmen. Die Rufe werden von Baumpieper nur selten und von Waldpieper sehr selten geäußert.
  • sehr kurze Rufe (wie Sonagramm 1, Aufnahme 3 & 4 und Sonagramm 2, Aufnahme 4 & 5). Bei diesen kann nur die MAF gemessen werden (selten ist es möglich eine Steigung zu messen). Liegen diese Werte nicht in einem charakteristischen Bereich, sollte man von einer Bestimmung absehen.

→ Deshalb sollte man sich (falls die MAF nicht charakteristisch ist) auf die typischen Flugrufe (wie in Sonagramm 1 die 1. Aufnahme und in Sonagramm 2 die ersten zwei Aufnahmen) beschränken.

Kombiniert man diese Kennzeichen, so kann ein größerer Anteil der Pieper bestimmt werden. So habe ich Kennwert 1 definiert als Produkt aus MAF und Steigung: Diese beiden Werte sind in jeder Aufnahme messbar. Es gibt jedoch einen größeren Überschneidungsbereich bei diesem Kennwert. Als Kennwert 2 habe ich das Produkt aus MAF, der Steigung und der Dauer für eine Modulation definiert.

Um den Lesern die Berechnung nach einer Formel mit dem Taschenrechner zu ersparen, hat Johannes eine Excel-Tabelle erstellt, in die die gemessenen Werte nur eingegeben werden müssen. Als Ergebnis erhält man alle Kennwerte. Falls jemand an den Formeln, die dahinter stecken, interessiert  ist, findet er sie im Anhang.

Arbeitsblatt zur Berechnung der Kennwerte. Ein Beispiel ist schon eingegeben und kann einfach überschrieben werden. Hat man die Zeitdifferenzen direkt gemessen oder schon berechnet, so können diese auch direkt eingegeben werden. Fehlen Werte, so muss in diese Zellen eine Null eingegeben werden. Will man den Durchschnitt von drei Rufen berechnen, sind unter dem ersten Rechner zwei weitere angefügt. Darunter ist eine Ausgabe der Durchschnittswerte aus diesen drei Rufen.

Die gemessenen/berechneten Werte lassen sich mit Tabelle 1 vergleichen:Tabelle_1Tabelle 1: Ergebnis dieser Untersuchung an den typischen Flugrufen. Jeder Datensatz entspricht einem Ruf. Beachte, dass die Steigung (um einem Vorzeichendurcheinander vorzugreifen) von hinten nach vorne gemessen wurde. Ein positiver Wert entspricht einem fallenden Ruf, ein negativer Wert einem steigenden. Befinden sich einzelne Messwerte außerhalb des hier angegebenen Variationsbereiches der bestimmten Art, sollte man von einer Bestimmung absehen – selbst wenn andere Werte eindeutig erscheinen!

Da die Rufe selbst innerhalb einer Aufnahme recht variabel sind, sind in Tabelle 1 deutliche Ausreißer zu sehen. Selbst bei dem Kennwert 2 gibt es einen Überschneidungsbereich.  Besser werden die Ergebnisse, wenn mehrere Rufe (mindestens 3) des gleichen Vogels vermessen werden und man daraus den Mittelwert bildet. Damit werden einzelne Ausreißer herausgerechnet. Zum Vergleich zieht man Tabelle 2 heran:Tabelle_2Tabelle 2: Anstatt einzelnen Rufen wurde für jede Aufnahme der Durchschnitt der Werte aller Rufe genommen. Dadurch fallen einzelne Ausreißer heraus und bei dem Kennwert 2 fällt der Überschneidungsbereich weg. Beachte, dass die Steigung – um einem Vorzeichendurcheinander vorzugreifen – von hinten nach vorne gemessen wurde. Ein positiver Wert entspricht einem fallenden Ruf, ein negativer Wert einem steigenden.

Aus den Ergebnissen lässt sich ablesen, dass Waldpieper schneller abfallen (eine größere negative Steigung haben), höher rufen und langsamer modulieren. Einzelne Baumpieper rufen sehr hoch. Mit den beiden anderen Kennzeichen können sie trotzdem bestimmt werden. Interessanterweise hat nach den Daten aus Tabelle 1 die östliche Baumpieperpopulation eine höhere MAF und eine größere Steigung: die Rufe sind dem Waldpieper ähnlicher. Die Datengrundlage ist allerdings sehr klein, weshalb die Populationen in Tabelle 2 nicht mehr aufgeteilt sind. 

Weitere Unterschiede

Es gibt weitere Unterschiede, die jedoch so variabel sind, dass eine Bestimmung daran nicht möglich ist:

  • wie gezeigt, fallen Baumpieper langsamer ab. Dadurch gibt es Aufnahmen, in denen die höchste Frequenz des Rufes nicht am Anfang sondern in der Mitte des Rufes liegt. In einzelnen Fällen steigt der Ruf sogar an statt abzufallen.
  • Baumpieper zeigen in fast jeder Aufnahme einen starken Frequenzabfall an Punkt 3, so dass es einen Punkt 4 gibt. Waldpiepern haben diesen Knick nur sehr selten und nicht so deutlich (deutlicher als in Sonagramm 8, Aufnahme 5 wird es kaum). Anstatt einem scharfen Knick nach unten, kann besonders bei Baumpiepern die Steigung immer mehr zunehmen. Der Ruf bekommt eine geschwungene Form wie eine Musiknote und die Steigung ist schwieriger zu messen (siehe Sonagramm 7, 4. Aufnahme).
  • Die Amplitude von Baumpiepern ist im Durchschnitt etwas größer. Eine Bestimmung daran ist nicht möglich. (Mit Amplitude ist hier nicht die Lautstärke, sondern die Frequenzspannweite zu einem Zeitpunkt, also die „Breite“ des Rufes im Sonagramm gemeint.)
  • Baumpieper haben meist über den Ruf die gleiche Amplitude. Im Sonagramm entsteht ein breiter Streifen mit einer gleichmäßigen Breite. Waldpieper verringern die Amplitude häufiger zum Ende des Rufes und der Ruf wird damit schmaler. Die Variation ist so groß, dass es nicht bestimmungsrelevant ist. Es treten selbst Waldpieper auf, deren Amplitude größer wird (siehe Sonagramm 8, 2. Aufnahme).
  • Bei Waldpiepern scheint Punkt 1 – relativ gesehen – höher zu liegen. Da Punkt 1 je nach Aufnahmequalität stark variiert, hilft es bei einer Bestimmung nicht. Der höhere Punkt 1 könnte auch in einer tendenziell größeren Bereitschaft des Tonaufnehmers begründet sein, von Waldpiepern auch schlechtere Aufnahmen hochzuladen, von Baumpiepern dagegen nur die besseren.

Baumpieper_Rufe_Variation

Sonagramm 7: Variation der typischen Flugrufe von Baumpiepern. Beachte die beträchtlichen Tonhöhenunterschiede, die flache Steigung (zumindest in der vorderen Hälfte des Rufes), die sehr feinen Striche der Modulationen im Sonagramm und das häufige Auftreten eines Frequenzabfalls zu Punkt 4. 1. Aufnahme: 01.05.2009, Hammarsudden, Schweden © P. Åberg; 2. Aufnahme: 21.03.2013, Cape Pyla, Zypern © J. Honold; 3. Aufnahme: 21.04.2011, Mannheim, Deutschland © M. Feuersenger; 4. Aufnahme: 02.01.2010, Chambal Safari Lodge, Indien © P.C. Rasmussen; 5. Aufnahme: Durch den Knick in der Rufmitte nach oben sehr ungewöhnlicher Ruf. Solche Rufe sollte man für eine Bestimmung nicht berücksichtigen.  16.09.2012, Zvenigovsky District, Russland © A. Lastukhin.

Waldpieper_Rufe_VariationSonagramm 8: Variation der typischen Flugrufe von Waldpiepern. Nur bei der 5. Aufnahme ist ein Abfall der Frequenz an Punkt 3 zu Punkt 4 erkennbar. Die Striche der einzelnen Modulationen sind sehr grob und selbst bei schlechteren Aufnahmen noch oft erkennbar. Manchmal nehmen die Rufe in der Amplitude gegen Rufende ab, oft bleiben sie gleich und manchmal nehmen sie sogar zu (2. Aufnahme). 1. Aufnahme: 11.04.2013, Tangshan, Hebei, China © M. Slaymaker; 2. Aufnahme: Egana, Israel © Y. Perlman; 3. Aufnahme: Die Amplitude der Rufe nimmt manchmal gegen Ende des Rufes ab. 03.01.2002, Patna Bird Sanctuary, Indien © P.C. Rasmussen, Quelle4. Aufnahme: 02.11.2012, Linosa, Italien © M. Vigano; 5. Aufnahme: Selten zeigen Waldpieper ebenfalls einen Abfall der Frequenz an Punkt 3. Viel deutlicher als in dieser Aufnahme wird es aber nicht. 01.01.2002, Chambal Safari Lodge, Indien © P.C. Rasmussen Quelle

Wie wird man auf einen potenziellen Waldpieper aufmerksam?

Mit viel Erfahrung oder im direkten Vergleich hört man, dass Waldpieper höher rufen. Manchmal fällt der Ruf auffällig schneller und stärker ab. Baumpieper hören sich wegen der durchschnittlich größeren Amplitude oft rauher an. Waldpieper werden gegen Ende des Rufes manchmal weniger rauh.

Es lohnt sich, auf die unauffälligen „sit“-Flugrufe zu achten. Diese sind diagnostisch (siehe Kapitel Ruftypen)

Waldpieperrufe erinnern etwas mehr an Rotkehlpieper als Baumpieper. Dies lässt sich leicht erklären: Die Tonhöhe ist gleich, der Ruf fällt gleich schnell ab und ist weniger rauh als Baumpieper. Waldpieper hören sich jedoch nicht so gepresst an wie Rotkehlpieper. Diese sind überhaupt nicht rauh.

Hilfreich ist auch die Phänologie zur Abgrenzung von Baumpiepern: Baumpieper ziehen vor allem im September, Anfang Oktober kommen nur noch wenige und schon ab dem 10. Oktober sind sie wirklich selten. Der Hauptdurchzug von Waldpiepern ist im Oktober (die frühesten Nachweise sind von Mitte/Ende September). Deshalb ist es durchaus empfehlenswert, im Oktober ein Tonaufnahmegerät bereit zu haben um einen durchziehenden Baum-/Waldpieper direkt aufnehmen zu können.

Diskussion

Für diese Auswertungen wurden Aufnahmen der Internetdatenbanken http://www.tarsiger.com, http://www.xeno-canto.org, avocet.zoology.msu.edu, http://www.youtube.com und macaulaylibrary.org verwendet. Problematisch ist, dass man die Tonautoren nicht persönlich kennt und nicht einschätzen kann, wie sicher sie sich mit der Bestimmung des Vogels waren. Die hier behandelten Rufe werden vor allem im Flug geäußert und dabei ist es schwierig den Vogel optisch zu bestimmen und gleichzeitig eine gute Tonaufnahme machen. Obwohl bei Aufnahmen oft angegeben wird, dass der Vogel gesehen wurde, ist damit noch nicht geklärt, ob der Vogel auch optisch bestimmt wurde. Ebensowenig ob der Vogel richtig bestimmt wurde.

Trotzdem ließen sich die Aufnahmen eindeutig in zwei Gruppen aufteilen. Aus diesen stachen nur drei Aufnahmen heraus: Zwei davon betrafen Rufe von Rotkehlpiepern (mit den Tonautoren habe ich abgeklärt, dass es wirklich Rotkehlpieper sind). Die dritte Aufnahme betriftt einen „Waldpieper“ aus Indien. Jedoch passen die Rufe in jeglicher Hinsicht genau auf Baumpieper, weshalb ich mir sicher bin, dass dieser Vogel falsch bestimmt wurde. Aus der Auswertung habe ich ihn herausgelassen.

Eine gewisse Ungenauigkeit bringt in die Methode die Tatsache, dass unterschiedliche Personen unterschiedlich messen (wie in der Vogelberingung). Wer will, kann gerne seine Ergebnisse als Kommentar posten oder mich direkt anschreiben.

Zusammenfassung

Mit diesem Artikel lassen sich mit einer durchschnittlichen Aufnahme mehrerer Rufe durch die Kombination der MEF, Steigung und Dauer einer Modulation alle Baum-/Waldpieper bestimmen. Ist die Aufnahme nicht gut genug, dass man die Modulationsdauer erkennen kann oder ist nur ein Ruf aufgenommen, sollte es immer noch möglich sein etwa 70-80 % der  Waldpieper zu bestimmen.

Mir ist bewusst, dass dieser Artikel einen sehr mathematischen Eindruck hinterlässt. Nur so kann man trotz der großen Variation der beiden Arten eine Bestimmung in Grenzfällen wagen. Ich hoffe, dass es anschaulich genug erklärt ist, dem Leser so viel wie möglich der Mathematik abgenommen wurde und sich davon niemand abschrecken lässt.

Dank geht an alle, die ihre Aufnahmen unentgeltlich zur Verfügung gestellt haben!! Vor allem danke ich Johannes Honold und Peter Schleef für interessante Diskussionen zu dem Thema, Aufnahmen interessanter Pieper, Hilfestellungen und Hinweise zu dem Manuskript und Magnus Robb für die Bestimmung meines ersten Waldpiepers.

Anhang:

Formel 1:

SteigungFormel 2:

KennwertFormel 3:

Modulationsdauer

Formel 4:

Kennwert_2

Literatur

Alström, Mild & Zetterström (2003): Pipits and Wagtails of Europe, Asia & North America. Christopher Helm Verlag

Deutsche Avifaunistische Kommission (2012): Seltene Vogelarten in Deutschland 2010. Seltene Vögel in Deutschland 2010: 10-49

Helbig, A. J. (1987). Feldbestimmung des Waldpiepers Anthus hodgsoni und sein Auftreten in Europa. Limicola 1, 73-85

Shirihai (1996): The Birds of Israel. Academic Press Limited, London

Nachtrag: Kleine textliche Korrekturen und Ergänzungen, keine Veränderung von Inhalts oder Daten. 20.11.2014

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